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80 Volksstämme und 200 Dialekte: In vielen Regionen haben die Äthiopier ihren Lebensstil und ihre Eigenheiten bewahrt. Eine Rundreise durch den Vielvölkerstaat am Horn von Afrika
"Heiland! Heiland!" Sechs Kinder mit dünnen Ärmchen hängen an der Autoscheibe und deuten auf eine Tasche. Unverständnis bei den Touristen im Fond des Wagens: "Heiland?" Der einheimische Fahrer klärt auf: Das sei kein Appell an Nächstenliebe, nein, "Highland" sei eine bekannte äthiopische Marke für abgefülltes Wasser - und die Kinder bitten in ihrem einfachen Englisch um leere Plastikflaschen. Da sie in abgelegenen Gebieten mit ihren Müttern täglich bis zu sechs Stunden zum Wasserholen wandern müssen, um den nächsten Brunnen zu erreichen, sind leichte Behältnisse wahre Schätze.
Nach wie vor zählt Äthiopien zu den ärmsten Ländern der Welt. In europäischen Köpfen verortet als Region wiederkehrender Dürren, ist das Land hinter diesen düsteren Bildern auch ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Etwa 80 ethnische Gruppen leben auf einem Gebiet, das dreimal so groß ist wie Deutschland, und es gibt mehr als 200 Dialekte.
Der Norden des Landes gilt als eine der Wiegen des Christentums, das Tiefland im Süden ist dagegen stärker vom Islam geprägt.
Im Norden hat sich das Dreieck zwischen den Städten Gondar, Axum und Lalibela als Reiseroute etabliert. Die Gegend ist touristisch gut erschlossen.
In Axum steht nach Überzeugung der äthiopisch-orthodoxen Christen die ursprüngliche Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses einst von Gott empfangen hatte. König Menelik I., ein Sohn von König Salomon und der Königin von Saba, soll sie nach einem Besuch bei seinem Vater von Jerusalem nach Äthiopien gebracht haben. Zu Gesicht bekommt die Truhe allerdings nur der wachende Mönch. Da das angrenzende Kloster mit der Marienkirche auch nur Männer betreten dürfen, ließ Kaiser Haile Selassie 1965 nebenan eine neue Kirche errichten, in der alle Besucher alte Ikonen sowie eine fast 1000 Jahre alte Handschrift über die Wundertaten der heiligen Maria bewundern können.
Ein überwältigender Anblick im Pilgerort Lalibela sind die elf Felsenkirchen, die im 12. und 13. Jahrhundert in einem Stück aus dem roten Fels gehauen wurden. In den dunklen Innenräumen präsentieren Wächter in reich bestickten Gewändern Fresken, Ikonen und Kreuze - und kassieren für jedes Foto ein Trinkgeld.
Die einstige Königsstadt Gondar überrascht mit einer großen Palastanlage aus dem 17. Jahrhundert. Als Glanzlicht äthiopischer Kirchenkunst gelten die Fresken in der Kirche Debre Birhan Selassie.
Bei einer Bootstour über den Tanasee südlich von Gondar bleiben einige Inseln und die Kirchenschätze ihrer Klöster, wie die des Marienklosters in Axum, weiblichen Besuchern verschlossen. Andere Inseln wie Dek, Debre Maryam oder die Halbinsel Zeghie sind allen Gästen zugänglich.
Von Addis Abeba aus taucht man hinab in den Großen Grabenbruch, das Tiefland im Süden Äthiopiens. Die meisten Rundreisen führen gerade mal bis zum Langanosee, etwa 200 Kilometer südlich der Hauptstadt. Nach einer Nacht in hübschen Bungalows, gekrönt vom Konzert der Frösche und Zikaden, geht es für viele Touristen dann wieder Richtung Norden. Denn die Straßen, die weiter gen Süden führen, werden immer schlechter; viele Regionen sind nur mit Allradantrieb erreichbar.
Schirmakazien zeichnen sich wie Scherenschnitte vom leuchtenden Abendhimmel ab, auf den Straßen bewegt sich ein buntes Biotop aus Menschen, Rindern, Ziegen, Eselfuhrwerken, Lastwagen, Bussen und Autos. Der Abstand zwischen den Dörfern wird größer, und wenn Markttag ist in einer Stadt, dröhnen die Ohren von Männerpalaver, Frauenlachen, Kindergeschrei und dem Schrillen rostiger Fahrradklingeln.
In Shashemene südlich vom Langanosee leben noch einige Hundert aus der Karibik stammende Menschen, die sich zum Rastafari-Kult und zum äthiopischen Kaiser Haile Selassie bekennen, der selbst als direkter Nachfahre König Salomons galt. Äthiopien ist für Rastafaris das Land ihrer Träume. Als Kaiser Haile Selassie jamaikanische Rastafaris in den 50er-Jahren nach Äthiopien einlud und ihnen Land versprach, folgten damals 3000 Menschen seinem Ruf. Aus den Häusern tönt Reggae-Musik, man sieht Menschen mit Rastalocken, doch als Touristenattraktion wollen sich die Bewohner nicht verstanden wissen, geben sich deshalb auch eher unnahbar.
Im Stundenrhythmus durchquert man im Süden die Gebiete unterschiedlicher Stämme, fährt durchs Land der Oromo mit seinen winzigen Rundhütten, passiert die bemalten Rundhäuser der Alaba und die Bewohner mit ihren topfartigen, geflochtenen Hüten. Am Übergang zwischen Chamo- und Abayasee entfaltet Arba Minch die Lebendigkeit südäthiopischen Lebens. Vor allem aber ist die Stadt Ausgangspunkt für Bootstouren auf dem Chamosee. Hier gibt es Nilpferde, Krokodile, Reiher, Seeadler und Kolonien von Pelikanen.
Weiter südlich lebt das Volk der Konso, bekannt für seine mauerbewehrten Dörfer und Terrassenfelder. Autopannen sind auf den Schlaglochpisten des Südens fast unvermeidlich, die den Reisenden aber unverhoffte Einblicke in das dörfliche Leben bieten. Denn nicht selten laden hilfsbereite Menschen die "gestrandeten" Touristen in ihre Rundhütten ein, wo häufig mehr als zehn Personen samt Haustieren zusammenleben. Es ist eine biblisch anmutende Szene. Die schiere Not und dennoch Würde und Anmut: Daswirkt noch lange nach.
* Anreise: Mit Lufthansa www.lufthansa.de) und Ethiopian Airlines (www.ethiopianairlines.com) von Frankfurt nachAddis Abeba.
* Veranstalter: Intercontact Reisen bietet eine 11-tägige Rundreise durch das ganze Land ab 2188 Euro, Tel. 0800/002 00 90, www.ic-urlaub.de
* Auskunft: Äthiopische Botschaft, Berlin, Tel. 030/77 20 69, www.tourismethiopia.org
Die Reise wurde unterstützt von Intercontact.